Anmerkung zu folgenden Tabellen: Die Aufzählung der Symptome, Differentialdiagnosen und diagnostischen Massnahmen soll einen groben Überblick über den Schmerzzustand geben. Die Medikamentenliste ist als Vorschlag zur Reihenfolge der Applikation zu verstehen. Bei klinischen Pathologien, reduzierten Organfunktionen und bekannten Allergien muss dieser Vorschlag individuell angepasst werden.

Diagnose

LS Leitsymptome Die Beschreibungen sind ungewertet und nicht abschliessend.
DD Differentialdiagnosen  
D Diagnostik  

Therapiekonzept

Medikamente
Basis- und / oder Zusatzmassnahmen:
I Initialmedikation Diese sind je nach Schmerzsyndrom und Stadium zeitlich im Behandlungskonzept zu platzieren. Oft sind sie Ersthandlungen, oft nur bei Chronifizierung indiziert.
F Folgemedikation  
R Reservemedikation  
P Prophylaxe  

Akutes Koronares Syndrom (ACS)

LS Angina pectoris: Brustschmerzen, oft mit Ausstrahlung in Arme, Hals, Gesicht, Rücken, Abdomen, häufig Todesangst, Kreislaufschwäche, Herzstolpern, Atemnot, Nausea
DD Aortenaneurysma, Oesophagitis, Magenperforation,
Lungenembolie, Skelettschmerzen, Pleuritis, Herpes Zoster
D 12-Kanal-EKG, Herzenzyme (CK, CK-MB, Troponin), Thorax-Röntgen

I MONA:
Morphin i.v., Oxygen,
N
itroglycerin p.o., s.l., i.v. und ASS
O2 -Gabe (Ziel: SO2 > 95%)
Betablockade, Tc-Aggregationshemmung, Statine, Koronares Angiogramm mit Dilatation / Stenting, ggfl. Bypassoperation
R Metamizol  

CRPS Complex Regional Pain Syndrom
(Morbus Sudeck, Algoneurodystrophie, Kausalgie)

LS

Triade:
Sensorische, autonome und motorische Störungen

Symptome:
brennende, bohrende Schmerzen, Allodynie, Hyperalgesie, Dysästhesie
Schwellung; Verfärbung und Kälte der Haut
Muskel- und Knochenschwund
Bewegungseinschränkung, Tremor

Vorkommen 60% der CRPS nach OP oder Trauma, 10% nach Bagatellen, 10% ohne Erklärung

Frauen : Männer  =  2 : 1

Befall der Extremitäten, obere : untere = 2 : 1

Stress als Risikofaktor, oft Auftreten in Kombination mit
Krebsleiden, Herz- oder Hirninfarkt und bei Immobilisation

CRPS I (reflex sympathetic dystrophy): nach Verletzung oder OP

CRPS II (Kausalgie): Folge einer Nervenverletzung
Pathogenese: whs. kortikale Veränderung, meist Aktivierung des efferenten Sympatikus

DD Neuropathie, Reinnervationsbeschwerden, rheumatologische Erkrankung, Infektion
D Triade, Temperaturunterschied rechts  / links > 2°, Infektlabor

I topisch:
Lidocain-Patch 5% (Neurodol® Tissugel)
Capsaicin-Crème / -Gel 0,02%
NSAR, Opioide, Metamizol
Calcitonin (Miacalcic® Nasenspray mite)
Steroide systemisch
Antidepressiva, Antiepileptika

Physikalische Therapie:
Entstauung (Lymphdrainage)
Mobilisation, Ergotherapie
Bewegungs- und Kräftigungstherapie
Neuraltherapie, TENS
Spiegeltherapie

Psychotherapeutische Verfahren

Interventionelle Schmerztherapie:
Nerven- und Sympatikusblockaden
Elektroneurostimulation

P Vit. C 500 mg  /d 2 Wochen vor OP Schonende Reposition und Ruhigstellung von Frakturen und Weichteilverletzungen
Isometrische Muskelübungen
Optimale Analgesie, evtl. prophylaktisch periphere Nervenblockade mit Katheter

Degenerative und entzündliche Gelenkschmerzen

LS Degenerativ:
Anlauf- und Bewegungsschmerzen, selten Ruheschmerzen. Kälte- und Nässeempfindlichkeit, Bewegungseinschränkung, gelegentlich Überwärmung, Gelenkerguss, Auftreibung oder Fehlstellung des Gelenkes.
Entzündlich:
Bewegungs-, Ruhe- und Nachtschmerzen, Überwärmung, druckdolente Gelenkskapsel, Gelenkerguss, Bewegungseinschränkung.
DD Arthrosen, Arthritiden wie Arthritis urica (Gicht), Pseudogicht, Borreliose, Rheumatoide Arthritis, „seronegative“ Spondarthropathien und bakterielle Arthritis, Polymyalgia rheumatica
D

Anamnese und Klinische Untersuchung, spezifische Bildgebung und Labor, auch zum Ausschluss einer bakteriellen Arthritis (Gelenkpunktion notwendig)
Bei Verdacht auf entzündlich-rheumatische Erkrankung spezifische Diagnostik gemäss Rücksprache mit FA Rheumatologie.


I

Paracetamol u. / o. NSAR (Cave: Organinsuffizienz)
Physiotherapie zur Erhaltung von Bewegungsumfang und Verbesserung der Muskelkraft.

R

Opioide ret., bei aktivierter Arthrose evtl. intraartikuläre Steroidapplikation (in Kombination mit einem Lokalanästhetikum). Bei Arthritis evtl. intraartikuläre Steroidapplikation (in Kombination mit einem Lokalanästhetikum), bei polyartikulärem Befall evtl. Steroide systemisch.
Spezifische Behandlung je nach Grunderkrankung gemäss Rücksprache mit FA Rheumatologie.
Spezifische bzw. operative Eingriffe gemäss Rücksprache mit FA Orthopädie


Kopfschmerzen (KS)

LS Schmerzcharakter pochend, drückend, stechend, krampfartig mit unterschiedlichster Lokalisation. Nausea, Erbrechen, Lichtscheu, Schwindel, (Pseudo-) Meningismus, Fieber, Sehstörungen, neurologische Ausfälle, Bewusstseinsstörung, Krampfanfälle
Migräne (IHS-Kriterien 2004): ≥ 5 Attacken, Dauer 4 - 72 h, KS unilateral, pulsierend, sehr stark oder progredient, ± Photo- und Phonophobie, ± Nausea, ± Erbrechen, ± Aura
DD 94%= primäre KS: Spannungs-KS, Migräne, Cluster-KS
06%= sekundäre KS: Subarachnoidale, intrazerebrale und subdurale Blutungen, Sinusvenenthrombose, Meningitis, Enzephalitis, Gefässdissektion, Arteriitis temporalis, Glaukomanfall, medikamenteninduzierte KS
D Anamnese und Neurostatus, CT u. / o. MRI, Lumbalpunktion

Spannungs-KS

I ASS o. Diclofenac, Mefenaminsäure, Paracetamol, Metamizol Psychologische Verfahren: autogenes Training, Stressbewältigung, Relaxations- und Biofeedbacktraining, TCM
P   Vegetativ stabilisierende Lebensführung (regelmässiger Sport, kein Ausschlafen, regelmässige Hauptmahlzeiten, keine Alkoholexzesse), Medikamentenentzug

Migräne

I ASS o. Diclofenac, Mefenaminsäure, Paracetamol, Metamizol oder Triptane: Suma-
triptan (Imigran®), Zolmitriptan (Zomig®)
Antiemetika p.p. oder i.v.
Psychologische Verfahren s. o.
Triptane:
Nicht während der Aurasymptomatik verabreichen (verhindert das Auftreten der Migräne nicht, Gefahr von Gefässspasmen)
Bei Einsetzen der Kopfschmerzen Einnahme so schnell als möglich!
Triptane sind Akutmedikamente → keine Langzeiteinnahme!
P Propranolol (Inderal®) o. a. Beta-
blocker, Valproinsäure (Depakine®), Topiramat
(Topamax®) o. a. Antiepileptika,
Flunarizin (Sibelium®, Ca-Antagonist)
Nichtmedikamentöse Massnahmen in jedem Fall wichtig: vegetativ stabilisierende Lebensführung (regelmässiger Sport, kein Ausschlafen, regelmässige Hauptmahlzeiten, keine Alkoholexzesse).
Medikamentöse Prophylaxe indiziert bei:
> 2 Anfällen /Monat, bei stark beeinträchtigenden u. / o. komplizierten Anfällen (Skotome, sensomotorische Ausfälle)
Zusätzliche Massnahmen:
Riboflavin ( Vit. B12), Magnesium; komplementärmedizinische und psychotherapeutische Verfahren


Sekundäre KS

I Metamizol u. / o.Paracetamol

Kausale Therapie,
Medikamentenentzug bei Analgetikaabusus


Nierenkolik (bei Urolithiasis, Nephritis, Zystitis usw.)

LS Koliken: wellenförmige, krampfartige Schmerzen, oft schlecht lokalisierbar, oft in Flanke oder Unterbauch mit Ausstrahlung in Leisten oder Genitalien. Nausea / Erbrechen
DD Bauchaortenaneurysma, Gallenkolik, abdominale Perforation, Pankreatitis, Appendizitis, Adnexitis, Darmobstruktion
D Urinstatus, Röntgen / Sonografie Abdomen oder CT

I Dexketoprofen i.v. (nur 1 x Dosis) o. Diclofenac KI o. Metamizol KI Antiemetika, warme Umschläge, ggf. leichte Sedation. Schwemmtherapie wegen Auslösung oder Verstärkung von Koliken nicht empfehlenswert.
F Diclofenac p.o  
R Pethidin o. Morphin, Butylscopolamin  

Phantomschmerzen

LS Sonderform des Deafferenzierungsschmerzes: Neuropathische Schmerzen nach totalem oder partiellem Verlust einer Extremität, von Brust, Zahn oder viszeralem Organ. Sensation, Schmerzempfindung und teils Phantombewegung im verlorenen Körperteil in bis zu 95% nach Amputationen v.a. nach vorbestehenden Ischämieschmerzen und Entzündungen. Schmerzen brennend, stechend, einschiessend, elektrisierend, maximal meist abends / nachts und nach Triggerung durch mechanische Stumpfreizung.
DD Neurome, Stumpfinfektionen bzw. -heilungsstörung, Osteomyelitis, proximale Ischämie bei PAVK
D Anamnese, klinische und psychologische Untersuchung

P Leitungsblockade vor Amputation Prophylaxe durch optimale Schmerzbehandlung und Durchblutungsförderung vor Amputation: Rückenmarknahe Analgesie oder Plexusblockade (Peridural- oder Plexuskatheter)
Optimale Wundpflege und Prothesenanpassung, TENS
Psychologische Betreuung
IR Paracetamol u. NSAR u. Opioide, evtl. i.v.-PCA
Calcitonin nasal
(Miacalcic® mite)
Amitriptylin u./o. Pregabalin
Sympatikusblockaden, Neurolysen

Rücken- und Nackenschmerzen (RS)

LS Dumpfe, bohrende, stechende, belastungs- und lageabhängige Schmerzen in Lendengegend (Lumbago 65%), im Nacken (33%) u. im Brustwirbelbereich (nur 2%). Diffuse, pseudoradikuläre oder radikuläre Schmerzausstrahlung, neurologische Ausfälle und Blasen- Mastdarmstörungen in 10 - 15%.
DD Unspezifische (ca. 90%) vs. spezifische Ursachen (10%): Bandscheibenschaden, Osteoporose mit Kompressionsfrakturen und Spinalkanalstenose, Tumor / Metastasen, Myelom, Spondylodiszitis, M. Bechterew
D Anamnese und klinische Untersuchung inkl. Neuro- und Rheumastatus. Röntgen, MRI (oder CT) Wirbelsäule nur bei Warnzeichen für spezifische Ursache, bei neurologischen Ausfällen oder Cauda-equina-Syndrom

Unspezifische RS

I Paracetamol u./o. NSAR

Aktivität statt Bettruhe (wichtigste Prophylaxe der Chronifizierung):
Physiotherapie
• Start erst 2 Wochen nach Schmerzbeginn (da in 90% Spontanheilung!)
• „Graded activity exercises“: = Rekonditionierung mit Vermeiden von Überforderung
Manualtherapie, Massage, Kälte-Wärme

Bei Chronifizierung: TCM, Selbsthilfegruppen, Anpassung Arbeitsplatz, evtl. Umschulung

R Metamizol u./o.
Tramadol o. Morphin

Radikuläre RS

I Metamizol o. NSAR
Tramadol ret.
TENS
In der Regel keine Bettruhe, in Reserve Stufenlagerung

Bei anhaltendem radikulärem Schmerz trotz Initialmedikation: Steroide p.o. (z.B. Prednison 50 - 100 mg oder Dexamethason 2 x 4 mg max 5 d).
Alternative Steroidapplikation periradikulär o. peridural

Bei therapieresistenten radikulären Schmerzen, invalidisierenden Paresen oder Cauda equina-Syndrom: Operative Therapie

R Morphin  

Schmerzen in Schwangerschaft und Stillzeit

LS Schmerzcharakter und -lokalisation entsprechend Grundkrankheit oder Verletzung
I Paracetamol unbedenklich
R Diclofenac
(postop. auch als KI)
NSAR: restriktiv und zeitlich limitiert im 1. und 2. Trimenon. Im 3. Trimenon verboten!
In Stillzeit erlaubt
Morphin / Opioide Opioide: unter Geburt kindliche Atemdepression und postpartal Uterusatonie möglich.
In Stillzeit möglich
Metamizol nur ausnahmsweise im 1. und 3. Trimenon
In Stillzeit verboten!
Amitiptylin, Carbamazepin, Gabapentin, Pregabalin Nur bei strenger Indikation erlaubt! Absprache mit Facharzt

Tumorschmerzen

LS

„Tumorschmerz“ per se existiert nicht. Schmerzen bei Tumorerkrankung sind Folge verschiedener Ursachen und geprägt durch psychologische und emotionale Faktoren. Nozizeptive, neuropathische Schmerzen oder Kombinationen sind möglich. 50 – 80 % der Krebspatienten haben im fortgeschrittenen Stadium Schmerzen.

Tumorbedingte Schmerzen (60 – 80 %):
Infiltration oder Kompression von Nervengewebe, Weichteilinfiltration, Knochenmetastasen mit oder ohne Frakturen, Tumornekrosen an Schleimhäuten mit und ohne Perforation, Hirnoedem, Obstruktion von Hohlorganen

Therapiebedingte Schmerzen (10 – 25 %):
Stomatitis, periphere Neuropathie, Osteonekrose wegen Steroiden, postaktinische Beschwerden nach Radiotherapie (Myelopathie, Plexopathie), Stumpf- und Phantomschmerzen, Narbenschmerzen, Neurome, Postthorakotomiesyndrom

Tumorassoziierte Schmerzen (5 – 20 %):
Myofasziale Schmerzen, Pilzinfekte, Post-Zoster-Neuralgie, postthrombotische Schmerzen, Dekubitus

DD Benigne Grunderkrankungen, rheumatoide Systemerkrankung
D Genaue Differenzierung der Schmerzursache für spezifische Therapie nötig: Klinische Untersuchung, Röntgen-Staging
(Konventionelles Röntgen, CT, MRI, Szintigrafie etc.), Labor, Endoskopie. Interdisziplinäres Tumorboard

Tumorschmerzen:
Stufenschema der Schmerzbehandlung

          palliative Sedation
        neurodestruktive Verfahren
      Rückenmarksnahe / intraventrikuläre / periphere Schmerzkatheter (LA, Opioide, Clonidin)
   
Ketamin i.v. / s.c. / p.o. / nasal
 
starke Opioide i.v. / s.c., evtl. i.v.-PCA-Pumpe
starke Opioide p.o. / transdermal, evtl. Opioid-Rotation

* Glukokortikoide: Bei Tumorwachstum mit Infiltration / Kompression von Nervenstrukturen, Hirndruck, Lymphoedem, Obstruktion von Hohlorganen (kurzzeitig für 2 - 4 Wochen)
Nozizeptiv-Viszerale Schmerzen:
ausgehend von Darm, Gallenwegen
• Metamizol u./o. Butylscopolamin
Neuropathische Schmerzen:
bei Infiltration / Kompression von Nervengewebe
• Antiepileptika u./o. Antidepressiva
Nozizeptiv-Somatische Schmerzen:
ausgehend von Knochen und Bindegewebe
• NSAR u./o. Paracetamol
Physio- und Ergotherapie, orthop. Hilfsmittel, TENS, Akupunktur
Radiotherapie, Chemotherapie, operative Massnahmen
Psychotherapeutische Behandlung, Sozialberatung, (Onko-)Spitex


Viszeraler / Abdominaler Schmerz

LS Schmerzen bohrend, drückend, evtl. krampfartig, wellenförmig, bei Reizung des Bauchfells Peritonismus: Druck-, Klopf- und Loslassschmerz, Abwehrspannung. Schmerzen initial oft schlecht lokalisierbar, oft Ausstrahlung in alle Richtungen. Auskultation: wenig / fehlende Darmgeräusche (Parese / Paralyse) oder Hyperperistaltik
DD Gastroenteritis, Appendizitis, Gallenkolik, Divertikulitis, Pankreatitis, Darmobstruktion oder -ischämie, intestinale Perforation, Adnexitis, Nierenkolik, ACS
D Röntgen / Sonografie o. CT Abdomen, Endoskopie, Labor inkl. Infektparameter und Laktat

I Metamizol o. Paracetamol KI o. Dexketoprofen i.v., Morphin o. Pethidin Kausale Therapie, ggfl. operativer oder endoskopischer Eingriff
Ggf. Magensonde, Darmstimulation (z. B. Vannerlösung, Einlauf,
Practoclyss)
F s. Akuter Schmerz
R s. Akuter Schmerz