Pflegeschwerpunkte

Überwachung Vitalparameter

Beim Erstkontakt gehört die Messung der Vitalparameter zur erweiterten Triage.
Wichtigste Überwachungsparameter sind:
• Atemfrequenz
• Sauerstoffsättigung
• Puls (Frequenz, Qualität, Arrhythmien)
• Blutdruck
• Temperatur
• Kapnometrie (beim intubierten Patienten)

In der Notfallaufnahme ist grosszügig die Indikation für ein Monitoring (laufende apparative Überwachung der Vitalparameter) zu stellen.
Dabei ist zu beachten:


• Auch die besten Apparate können nie den im Beobachten geschulten und geübten Menschen ersetzen.


• Das Monitoring muss überwacht werden. Alarmgrenzen der Apparate müssen eingestellt und dem Patienten angepasst sein. Alarme müssen respektiert werden!

 

 

Atemtypen

Die Erkennung von pathologischen Atemtypen kann wichtige Hinweise auf bestimmte Krankheiten geben:

Biot-Atmung
Intermittierende, ausreichend tiefe Atmung mit plötzlichen Atempausen: Meningitis und andere zerebrale Erkrankungen

Cheyne-Stokes-Atmung
Periodische Atmung mit zu- und abnehmender Atemtiefe:
Hirnstammläsionen, CVI und terminale Situationen

Kussmaul-Atmung
Sehr tiefe, regelmässige Atemzüge: Metabolische Azidose

Schnappatmung
Unregelmässige, mehr oder weniger tiefe Atemzüge mit niedriger Frequenz: Präterminal / terminal

 
Kühlung
Erwünschte Wirkungen einer Kältebehandlung sind Schmerzlinderung, Entzündungshemmung und Vorbeugung von Oedemen. Um eine Hyperämie zu vermeiden, muss die Kälte längere Zeit einwirken können. Gel-Beutel aus dem Tiefkühler dürfen nicht direkt auf die Haut gelegt werden (Gefahr von Erfrierungen).
Für bestimmte Anwendungen empfehlen sich vorkonfektionierte kühlende Binden, mit welchen auch eine Kompression durchgeführt werden kann. Nachteil ist der relativ hohe Preis.
 
Sicherheitsmassnahmen

Bei aggressiven und / oder verwirrten Patienten oder Begleitpersonen steht der Selbstschutz der Helfer an erster Stelle!

Der Schutz des vewirrten, unruhigen Patienten vor Sturzverletzungen stellt in der Notfallaufnahme ein grosses Problem dar. Oft fehlen die personellen Möglichkeiten für eine 1 : 1-Betreuung.
Nebst der manchmal unumgänglichen medikamentösen Sedierung sollten auch immer folgende Massnahmen in Betracht gezogen werden:

• Beseitigung von Unruhe verursachenden Faktoren (Hypoxie, Harndrang, Fieber)
• Bett auf tiefstes Niveau stellen, Schutzgitter immer oben
• Patienten an möglichst gut einsehbarem Ort platzieren
• Fixationsdecke («CEWI-Decke»), evtl. andere Fixationsmass- nahmen
• Spezielle Alarmmatte, die bei Betreten das Rufsystem
aktiviert

Die sogenannte «Bodenpflege», bei welcher der Patient direkt auf einer Matte auf den Fussboden gelegt wird, sollte aus pflegerischen und ethischen Gründen nur in Ausnahmefällen praktiziert werden.

 
Tender loving care TLC
«Tender loving care» bedeutet beruhigendes, liebevolles Umsorgen.
In Situationen, wo Ängste vorhanden sind (und in welchen Notfallsituationen sind sie das nicht?) ist es für die Patienten beruhigend, von einer Pflegeperson betreut zu werden, die liebevoll auf sie eingeht. Die Ausstrahlung von Ruhe wirkt sich oft sehr positiv auf die Situation aus, nicht nur bei der Pflege von Kindern.
Es braucht eigentlich nicht erwähnt zu werden, dass die Verbreitung von Hektik meist die gegenteilige Wirkung hat!
 
Lagerung

Der richtigen Lagerung kommt grosse Bedeutung zu. In einer Notfallaufnahme sollten verschiedene Lagerungshilfsmittel wie Schienen, Sandsäcke und Kissen vorhanden sein. Transfermatratzen erleichtern die schonende Umlagerung von Patienten für Röntgenuntersuchungen. Zudem sollte auch eine Schaufeltrage zum Inventar gehören.
Durch die angepasste Lagerung können Komplikationen vermieden werden (z. B. Oedemzunahme bei Frakturen, Aspiration bei Bewusstlosen, Lähmungen bei Rückenverletzungen), aber auch Schmerzen vermindert werden (z. B. bei arteriellen Verschlüssen), die kardiale und / oder pulmonale Funktion verbessert werden (z. B. bei Patienten mit Herzinsuffizienz oder Asthma) und Blutungen vermindert werden (z. B. bei peripheren Schnittverletzungen).

Einige kritische Bemerkungen zur Trendelenburg-Lagerung, die in vielen
Erste-Hilfe-Büchern bei Schockzuständen empfohlen wird:

Die Trendelenburg-Lagerung
ist nur sehr kurzfristig wirksam (max. 10 Minuten)
irritiert die Barorezeptoren der Carotis und erschwert so die Autoregulation des Körpers auf den niedrigen Blutdruck
erhöht den Hirndruck, ohne Nachweis einer besseren Sauerstoffsättigung des Gewebes
verschlechtert die Atmung, vor allem bei adipösen Patienten
vergrössert allfällig vorhandene Blutungen
führt zu Druckanstieg im rechten Herzen und vergrössert den Sauerstoffbedarf des Myokards, ohne wesentliche Wirkung auf den kardialen Output zu haben
führt zu einer Verdoppelung der Herzarrhythmien
führt zu einer Zunahme der Azidose
erhöht den Augeninnendruck

Eine Anwendung ist nur bei orthostatischem Kollaps sinnvoll.

 
Kapilläre Reperfusionszeit KRZ

Die Prüfung der kapillären Reperfusionszeit dient der schnellen Einschätzung der peripheren Zirkulation des Patienten.
Eine verlängerte Reperfusionszeit kann auf eine schwere Störung der peripheren Zirkulation im Rahmen eines Schocks hinweisen.

Durchführung:
Nagelbett eines Fingernagels kurz komprimieren, bis die normalerweise rosige Farbe verschwindet.
Loslassen und das Farbverhalten innerhalb der nächsten Sekunden beurteilen.

Interpretation der Reperfusionszeit:

Nagelbett schnell (<2 Sekunden) wieder rosig:
Mikrozirkulation an dieser Stelle intakt.

Nagelbett verzögert (>2 Sekunden) rosig:
Lokale oder generalisierte Störung der Mikrozirkulation.

Nagelbett wird gar nicht rosig:
Hinweis auf schwere generalisierte oder regionale Mikrozirkulationsstörung.
Regional: Thromboembolischer Gefässverschluss, Ischämie
Global: Ausgeprägte generalisierte Vasokonstriktion, Schock

 
Sauerstoffgabe

Sauerstoff ist ein Medikament und damit, wie alle Medikamente, nicht frei von unerwünschten Nebenwirkungen.
100%iger Sauerstoff kann vermutlich 24 h lang ohne Gefahr zugeführt werden.
Alle Konzentrationen über 50% sind aber potentiell toxisch.
Konzentrationen von 40% und darunter sind auch bei sehr langer Anwendung nicht toxisch. Kann eine lebensbedrohliche Hypoxie nur durch Zufuhr von 100%igem Sauerstoff beseitigt werden, so muss die Toxizität venachlässigt werden.
Jedem vital bedrohten Patienten sollte so bald wie möglich Sauerstoff zugeführt werden. Ziel ist eine SO2 von >92%.
Auch Patienten mit chronisch obstruktiven Lungenerkrankungen darf die Sauerstofftherapie bei Hypoxie nicht vorenthalten werden. Sie bedürfen jedoch einer besonderen Überwachung.
Jeder Liter Sauerstoff pro Minute erhöht die FiO2 um 3 – 5%.

Verabreichung beim nicht beatmeten Patienten:

Nasensonde (bis 6 l/min)
Erreichbare Sauerstoffkonzentration 40%

Sauerstoffmasken mit Reservoir (>6 l/min)
Erreichbare Sauerstoffkonzentration 70 – 100%

Im Rahmen von Reanimationssituationen Verabreichung von max.
12 – 15 l/min